Maria Magdalena

Ein bürgerliches Trauerspiel

Maria Magdalena - Ein bürgerliches Trauerspiel von Friedrich HebbelIm Haus des Tischlermeisters Anton herrscht Sorge. Zwar ist die Mutter geade von schwerer Krankheit genesen, doch Karl, dem Sohn, den sein Beruf als Tischlergeselle nicht befriedigt, wird das Elternhaus zu eng. Auch die Tochter Klara ist bedrückt, weil sie sich mit dem Kassierer Leonhard, einem skrupellosen Karrieremacher, ohne Liebe verlobt hat, als sie sich von ihrem Jugendfreund verlassen glaubte. Als dieser Jugendfreund, ein Sekretär, plötzlich wieder in ihrem Leben auftauchte, erregte das die heftige Eifersucht Leonhards, der Klara daraufhin so lange bedrängte, bis sie sich ihm hingab. Diese Hingabe aber blieb nicht ohne Folgen.

Als Karl, Klaras Bruder, in den Verdacht gerät, beim Kaufmann Wolfram Juwelen gestohlen zu haben, trifft die Mutter vor Entsetzen der Schlag.

Meister Anton, der seinem Sohn den Diebstahl zutraut, lässt seine Tochter an der Leiche der Mutter schwören, dass sie ihm nie „Schande machen wolle“. Für Leonhard ist der Verdacht des Diebstahls, der über der Familie hängt, eine willkommene Gelegenheit, seine Verlobung mit Klara zu lösen, nahdem er erfuhr, dass sie keine Mitgift zu erwarten hat.

Eine Wende zum Guten scheint sich anzubahnen, als der Kaufmann Wolfram Karl vom Verdacht des Diebstahls freispricht und Klaras Jungendfreund, der Sekretär, um ihre Hand anhält. Doch als Klara ihm gesteht, dass sie von Leonhard ein Kind erwartet, wendet er sich von ihr ab.

Szene aus Maria Magdalena auf der Kronacher Freilichtbühne der Festung RosenbergIn höchster Verzweiflung erscheint Klara noch einmal vor Leonhard, um ihn zu beschwören, sie zu heiraten. Doch Leonhard, der schon neue, lukrative Heiratspläne hat, weist das Mädchen ab. Klaras Jugendfreund, der Sekretär, fordert daraufhin den Verführer zu einem Pistolenduell, in dem Leonhard fällt. Der Sekretär schleppt sich verwundet in Meister Antons Haus.

Der aus dem Gefängnis entlassene Karl will sein Elternhaus für immer verlassen, Klara geht in den Tod, um den Vater und sich vor der Schande zu bewahren. Der schwer verwundete Sekretär stirbt mit einer erbitterten Anklage gegen den hartherzigen Meister Anton. Und dieser beschließt das Stück mit den Worten: „Ich verstehe die Welt nicht mehr.“

„Maria Magdalena“ ist die Tragödie der moralischen Engherzigkeit. Hebbel postuliert mit seinem Stück eine Zeitenwende. Er verzichtet in seinem dramaturgisch sehr präzisen bürgerlichen Trauerspiel auf den sozialen Klassengegensatz, den Schiller seinem Drama „Kabale und Liebe“ zugrunde legte. Seine Tragödie wird allein aus der starren moralischen Unerbittlichkeit der bürgerlichen Welt entwickelt. Klara wird zum Opfer einer Moral, der die große ausgleichende Kraft der Liebe fehlt.

Wie immer präsentieren die Faust-Festspiele auch diese Tragödie auf der großen Freilichtbühne atmosphärisch dicht, ohne Bühnenbild, als reines, pures und packendes Schauspielertheater in einer klaren, gestrafften und für den heutigen Zuschauer absolut verständlichen Fassung.

Die Tragödie wird so erzählt, dass jeder Zuschauer sie ohne Mühe verstehen und nachvollziehen kann und sich dabei auch noch bestens unterhält.

Szene aus Maria Magdalena auf der Kronacher Freilichtbühne der Festung Rosenberg Szene aus Maria Magdalena auf der Kronacher Freilichtbühne der Festung Rosenberg Szene aus Maria Magdalena auf der Kronacher Freilichtbühne der Festung Rosenberg Das Ensemble von Maria Magdalena der Kronacher Faust-Festspiele 2012

 

FRIEDRICH HEBBEL

Friedrich Hebbel, deutscher Dramatiker und LyrikerFriedrich Hebbel wurde am 18. März 1813 in Wesselburen als Sohn eines Maurers geboren. Mit 13 Jahren begann er bereits die Maurerlehre. Als der Vater strab kam er - vierzehnjährig - in das Haus des Kirchspielvogtes Mohr, zunächst als Laufbursche, dann als Schreiber. Seine ersten Gedichte machten die Schriftstellerin Amalie Schoppe auf ihn aufmerksam, mit deren Unterstützung er 1835 aus Wesselburen ausbrach und nie wieder zurückkehrte.

Er ging nach Hamburg und begann fieberhaft, an seiner geistigen Ausbildung zu arbeiten. Hilfe und materielle Unterstützung fand er bei seiner Freundin Elise Lensing. Nach einjährigem eifrigen Studium ging er nach Heidelberg, wo er juristische und geschichtliche Vorlesungen hörte. Drei Jahre lebte er in München und kehrte dann wieder nach Hamburg zurück. Dort belastete ihn eine neue schwere Sorge, da Elise Lensing ihm einen Sohn geboren hatte.

1840 vollendete er in Hamburg sein erstes Drama „Judith“, das in Berlin und Hamburg zur Aufführung kam. Durch ein Reisestipendium des Königs von Dänemark konnte er nach Paris fahren, wo ihn die Nachricht vom Tod seines Sohnes erreichte und schwer erschütterte.

1845 lernte Hebbel die junge, berühmte Burgschauspielerin Christine Enghaus kennen. Ein Jahr darauf heiratete er sie, nachdem er mit Elise Lensing gebrochen hatte. In der Ehe mit Christine, die viele seiner Frauengestalten auf der Bühne verkörpert hat, erlebte Hebbel eine glückliche und produktive Schaffenszeit und wurde berühmt. Kurz vor seinem Tod am 13. Dezember 1863 in Wien wurde ihm der Schillerpreis verliehen.

Hebbels Dramatik trägt einen ausgeprägt herben norddeutschen Charakter. Hebbel glaubt an den tragischen Widerstreit der Zeitalter, die einander ablösen. In solche konfliktgeladene Zeitenwenden stellt er häufig seine Dramenfiguren. In seinem bürgerlichen Trauerspiel „Maria Magdalena“ geht es nicht mehr - wie noch bei Lessing und Schiller - um den dramatischen Zusammenprall von Adel und Bürgertum. Vielmehr bricht an einer ethischen Zeitwende - innerhalb einer einzigen Gesellschaftsklasse - die enge Welt eines pervertierten bürgerlichen Ehrbegriffs tragisch zusammen.

In seiner Tragödie „Herodes und Marianne“ wird die männliche Welt der unbeschränkten Gewalt über die Frau von einem neuen Geist freier weiblicher Menschenwürde und deren Anspruch auf Selbstverwirklichung abgelöst. Hebbels bedeutendes Werk „Gyges und sein Ring“ lässt drei Welten aufeinander stoßen, die asiatische, die griechische und die indische der Rhodope, die die reine Idee der Sitte und das absolute Keuschheitsgbot ihrer Heimat im tragischen Untergang erfüllt. Schließlich hat Hebbel auch sein dreiteiliges Dramenwerk „Die Nibelungen“ (1861) in der großen Weltenwende vom germanischen Heidentum zum Christentum angesiedelt.